Lateinamerika

Lateinamerika:
Kontinent voller Gegensätze und Lebenslust

Texte & nützliche Links zu Forschung, Kultur und Medien

Man braucht in Lateinamerika keine große Erfindungsgabe. Man steht eher vor dem Problem, das, was man in der Wirklichkeit vorfindet, glaubhaft zu machen. Gabriel García Márquez

Kaum ein anderer (Sub-)Kontinent ist so voller Gegensätze wie der lateinamerikanische – also der Teil Amerikas südlich der USA, in dem vorwiegend romanische Sprachen gesprochen werden. Hier finden sich aufstrebende Industrie-Metropolen an den Küsten und kleine Indio-Stämme, die in den Wäldern auf archaische Weise ohne jeden Kontakt zur modernen Zivilisation leben. Hier stehen herrliche Villen oft unweit von Hütten aus Wellpappe – und wer einmal die Favelas, die aus der Ferne so romantisch wirkenden Elendsviertel an den Hängen von Rio de Janeiro besucht hat, versteht danach die Welt nicht mehr. Hier schlagen sich die Kinder um ein Stück Brot oder einen Schokoriegel – und genießen dabei den freien Blick auf die Schönen und Reichen, die kaum ein paar hundert Meter weiter unten ihre Longdrinks am Pool der Fünf-Sterne-Hotels schlürfen.

Bei diesen kaum erträglichen Gegensätzen, die bis heute in vielen Staaten der Region vorherrschen, bei dieser kaum überwindlichen „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ überrascht es nicht, dass Lateinamerika immer auch ein Kontinent von Revolutionen, Aufständen und Militärputschen gewesen ist, bis sich in den letzten Jahrzehnten endlich eine stärkere Demokratisierung Bahn brach – selbst wenn zugleich ein nicht immer hilfreicher (Links-)Populismus an Kraft gewann. Und doch gibt es viele Entwicklungen, die Mut machen, etwa von Ländern wie Chile, wo es im Vergleich zu anderen lateinamerikanischen Staaten kaum noch Korruption gibt, dafür aber eine wachsende Mittelschicht. Trotz aller Probleme, trotz Armut und Gewalt ist diese Weltgegend voller Gegensätze, die von Feuerland über die Anden, den Amazonas bis in die Karibik reicht und in der rund 550 Millionen Menschen leben, nicht in erster Linie eine Region des Elends – im Gegenteil.

Lateinamerika steht vor allem für eines: für Lebensfreude und für die unbeugsame Lust am Dasein. Hier trotzen die Menschen den Vulkanausbrüchen und Erdbeben, den Hurrikanen wie den politischen Wirren mit einer Mischung aus tiefer Gläubigkeit, gefühlsbetonter Musikalität und pragmatischem Optimismus. Nicht umsonst sind Cumbia, Merengue, Salsa oder Samba Erfindungen der Latinos. Tatsächlich belegen auch Studien, dass die Menschen in Lateinamerika besonders glücklich sind. Im Happy-Planet-Index finden sich unter den zehn Ländern mit den glücklichsten Menschen sieben (!!) lateinamerikanische Staaten, nämlich Kolumbien, Costa Rica, Panama, Kuba, Honduras, Guatemala und El Salvador.

In den Medien Deutschlands und Europas (außer Spanien und Portugal) spielt Lateinamerika immer noch eine untergeordnete Rolle – leider! Denn der (Sub-)Kontinent ist nicht nur Heimat manches Straßenmusikanten, der uns in den Fußgängerzonen mit Poncho und Panflöte unterhält. Fernab aller kultureller Stereotypen leistet Lateinamerika seit Jahrzehnten einen wachsenden Beitrag zur Weltkultur (etwa durch große Literaten wie García Márquez, Borges, Cardenal, Neruda oder Cortázar oder durch Maler wie Botero oder Guayasamín) wie auch zur Weltwirtschaft. Lateinamerika hat mehr  Aufmerksamkeit verdient!

Neben Texten finden Sie weiter unten  auch Links zu Forschungseinrichtungen, die in oder über Lateinamerika forschen – und hochwertige Linksammlungen zu lateinamerikanischen Medien von Zeitungen und Magazinen über online empfangbaren Radio- bis zu Fernsehprogrammen aus der Region.

1. Texte über Lateinamerika:

Hier finden Sie Artikel und Reportagen zum Überlebenskampf und der trotzigen Lebensfreude der Menschen in Lateinamerika. Sie handeln von den Folgen des Hurrikans „Mitch“ für Mittelamerika, von einer fast  vollständig zerstörten Siedlung an einem Vulkanhang, deren Bewohner im Schlaf unter einer Schlammlawine begraben wurden. Von Hilfsprojekten und der immer neuen Hoffnung der Menschen auf Sicherheit und ein wenig Wohlstand – und ihrer Wut auf die oft korrupten Regierungen. Vom Leben nicaraguanischer Kinder, die auf der Müllkippe von León nach Altglas wühlen, um es für ihre Familien gegen ein paar Cent einzutauschen. Von der berüchtigten „Colonia Dignidad“ in Chile, der Festnahme des Reemtsma-Entführers Drach in Argentinien und dem Unsinn des oft schlecht koordinierten Hilfe-Tourismus nach Naturkatastrophen. Außerdem lesen Sie hier eine kritische Analyse zur Entwicklungshilfe, die Geschichte eines Hamburger Kaufmannssohns, der in den 1870er Jahren von St. Pauli aus auf Schatzsuche nach Ecuador ging – und die Beschreibung eines ebenso aussichtlosen wie komischen Kampfes mit der lateinamerikanischen Bürokratie.

Städtepartnerschaft vor dem Aus? – Seit 20 Jahren sind Hamburg und das nicaraguanische León Partnerstädte. Ausgerechnet im Jubiläumsjahr ist die Beziehung der ungleichen Schwestern in ihre tiefste Krise gerutscht. Weil der neue sandinistische Bürgermeister per Wahlbetrug ins Amt kam, hat der Senat die offiziellen Beziehungen auf Eis gelegt. Auch Altlinke gehen auf Distanz zu ihren einstmals romantisch betrachteten Revolutionshelden um den Sandinisten-Präsidenten Daniel Ortega. (28.09.09) WELT ONLINE & BLOG

EXKLUSIV: Ende 2008 bereiste Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust (CDU) als noch amtierender Bundesratspräsident Kolumbien und Mexiko – mit einer fast 40-köpfigen Delegation aus Politik, Wirtschaft und Medien. Ich habe für eine große Zeitung von der Reise berichtet – und zusätzlich ein Reisetagebuch im Internet geführt. Hier sehen Sie bisher unveröffentlichte Fotos der Reise und können das Tagebuch in einem Stück lesen: CLICK!

Reportagen aus einem zerstörten Land – Nicaragua nach Hurrikan „Mitch“ (Mehrere Artikel – PDF)

Am Telefon ging Drach in die Falle – Wie die argentinische Polizei den Reemtsma-Entführer in Buenos Aires nach einem Konzert der Rolling Stones festnahm. Was seine uruguayische Geliebte Cristina gestand. Warum ihm sein argentinischer Anwalt das Buch eines SS-Mannes zum Lesen gab und warum er kein Deutsch mehr spricht. Verraten die bonarenser Ermittlungsrichterin Ricetti und der schillernde Anwalt Bianchi im Interview mit Jens Meyer-Wellmann. (Mehrere Artikel – PDF)

Colonia Dignidad (Chile) – Ein Hamburger jagt Sektengründer Schäfer – Das Leben von Wolfgang Kneese kreist seit 40 Jahren um denselben Mittelpunkt. Es dreht sich um das, was der 54-Jährige „das Böse schlechthin“ nennt. Dieses Böse trägt ein menschliches Gesicht und einen urdeutschen Namen: Paul Schäfer. PDF (Text)

Argentinien war so verschuldet, dass Präsident Kirchner seinen Deutschland-Besuch 2003 absagte – aus Angst, sein Präsidial-Jet würde gepfändet. Stattdessen schickte er seine Frau (die heutige Präsidenten) – per Linienmaschine. (PDF)

Was bei den Armen ankommt – Entwicklungshilfe macht oft mehr kaputt, als sie aufbaut. Beispiel?  Nicaragua! Kaum ein Staat hat soviel Hilfen bekommen wie dieses Land in Mittelamerika. Ergebnis: Die Wirtschaft liegt am Boden, die Korruption ist Weltspitze. Eine Fallstudie. PDF (mit Fotos) + PDF (nur Text)

Leben vom Unrat der Anderen – Die Kinder vom Müllberg in der nicaraguanischen Stadt León wühlen im Dreck, um Verkäufliches zu finden. Manchmal nehmen sie auch ein altes Stück Fleisch mit nach Hause und essen es mit der Familie. Künftig sollen sie wenigstens eines gratis bekommen: eine Grundschulausbildung, ein warmes Mittagessen – und vielleicht irgendwann sogar eine Berufsbildung. Dafür sorgt ein aus Deutschland finanziertes Hilfsprojekt. (Mehrere Artikel als PDF)

Von einem, der auszog, einen Schatz zu finden – Mit Jamil Mahuad Witt wurde in Ecuador der Nachkomme einer Hamburger Kaufmannsfamilie als Präsident vereidigt. Sein Urgroßvater, Ernst Witt, ging nach dem Krieg von 1870 von St. Pauli nach Südamerika, verließ seine Verlobte – und verbrachte seine Jahre mit der Suche nach einem sagenumwobenen Inkaschatz. Am Ende seines Lebens war er reich, wie ein altes Foto beweist – vor allem an Kindern und Enkeln. (PDF)

Wie klein dieser Kontinent ist! – Erst trafen ich Jan und Uwe mit ihren Motorrädern in Mittelamerika – und ließ mir von den gut 50-Jährigen Hamburger Hafenarbeitern über ihre Tour von Houston bis Feuerland erzählen. Zwei Monate später fuhren sie mir wieder über den Weg – auf 4000 Meter Höhe in den nebligen ecuadorianischen Anden am Vulkan Chimborazo. Statt „Hola“ gab’s ein lakonisches „Moin“ – und die Frage: „Verfolgst Du uns etwa?“ (Zwei Artikel als PDF)

Wie eine Spendenübergabe zur Nervenprobe wurde
– „Kommen Sie mit“, sagt der Dicke, und der Reporter schleppt den Koffer zwischen Reissäcken, Lastern und Soldaten in eine Halle, durch die Halle hindurch, in eine Nebenhalle und schließlich in ein Büro, in dem eine Klimaanlage rattert. „Sie sind der mit den Medikamenten“, sagt eine Frau mit spitzer Nase und blauem Kostüm. „Bin ich“, sagt der Reporter. Die Frau sieht die Papiere durch. „Haben Sie einen Pass?“ fragt die Frau. Der Reporter hat einen. „Wir machen eine Kopie davon“, sagt die Frau. Der Reporter nickt. Die Frau reicht den Pass einem Uniformierten. Der  legt ihn auf einen Kopierer und drückt auf die Starttaste. Nichts passiert. „Der Kopierer geht nicht“, sagt der Uniformierte. „Komisch“, sagt die Spitznasige. „Gestern ging er noch.“ PDF: der ganze Text.

Anmerkung: Ich habe einen Teil meiner Jugend in Lateinamerika verbracht und mein Magister-Examen u.a. über den spanischen Diktator Francisco Franco, den umstrittenen argentinischen Präsidenten Juan Domingo Perón, den französisch-argentinischen Schriftsteller Julio Cortázar und über Fragen der Entwicklungsökonomie abgelegt. In meiner Dissertation habe ich die Entstehung politischer Parteien in Lateinamerika untersucht. Die Arbeit erschien 2006 im Franz-Steiner-Verlag (unter dem Namen Jens Meyer-Aurich): Titel: „Wahlen, Parlamente und Elitenkonflikte: Die Entstehung der ersten politischen Parteien in Paraguay, 1869-1904. Ein Beitrag zur Geschichte politischer Organisation in Lateinamerika“. Buch im Steiner-Verlag und AutoreninfoAmazon – Rezensionen: Link + PDF Handbook of Latin American Studies (HLAS) – Bibliotheken-Verfügbarkeit: international, deutschlandweit, Hamburg.

2. Nützliche Links zu Lateinamerika:

a. Forschungseinrichtungen etc.:

Arbeitsgemeinschaft Deutsche Lateinamerikaforschung (ADLAF): ein fachübergreifender Zusammenschluss von Forschungsinstituten und Einzelwissenschaftlern aller Disziplinen, die sich schwerpunktmäßig mit Lateinamerika befassen.

Latin American Network Information Center (LANIC) der University of Texas bündelt sehr viele nützliche Informationen und Links zu den einzelnen lateinamerikanischen Staaten – zu Regierungen, Politik und Medien, zu Wirtschaft und Sport, ebenso wie zu Universitäten und anderen zentralen Bildungseinrichtungen. Verfügbar auf Englisch, Spanisch und Portugiesisch.

Cibera – die virtuelle Fachbibliothek Lateinamerika – eine interdisziplinäre Bibliothek für Fachwissenschaftler und Studierende der Kultur, Geschichte, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft der spanisch- und portugiesischsprachigen Länder sowie der Karibik. Mit Bibliothekskatalogen und einem Verzeichnis deutschsprachiger Lateinamerika-Forscher.

Das Ibero-Amerikanische Institut Preußischer Kulturbesitz in Berlin (IAI) ist eine interdisziplinär orientierte Einrichtung des wissenschaftlichen und kulturellen Austausches mit Lateinamerika, der Karibik, Spanien und Portugal. Es beherbergt ein Wissensarchiv mit der größten europäischen Spezialbibliothek für den ibero-amerikanischen Kulturraum.

Das Hamburger GIGA Institut für Lateinamerika-Studien wurde 1962 als Institut für Iberoamerika gegründet und ging 2006 im neuen GIGA Institute of Global and Area Studies auf.  Das Institut ist die größte deutsche und eine der größten europäischen Forschungseinrichtungen für „Area Studies und Comparative Area Studies“. Die Forschung konzentriert sich auf politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen in Afrika, Asien, Lateinamerika sowie Nordafrika, Nah- und Mittelost.

Die Universität Hamburg bietet den Nebenfach- und Teil-Studiengang Lateinamerika-Studien an. Der Arbeitsbereich Außereuropäische Geschichte verfügt über eine Professur für die Geschichte Lateinamerikas, besetzt von Prof. Ulrich Mücke.

Die Hamburger Lateinamerika-Gesellschaft / Sociedad Latinoamericana de Hamburgo e.V. (SoLatino) bietet Kulturtipps, einen Terminkalender und Links zu Hamburger Veranstaltungen rund um Lateinamerika.

b. Medien

Eine ausgezeichnete englischsprachige Sammlung von Links zu lateinamerikanischen Medien bietet das bereits weiter oben erwähnte Latin American Network Information Center (LANIC) auf seiner Medienseite – und zwar hier.

Eine umfassende Linksammlung zu online verfügbaren Zeitungen und Radio- sowie Fernsehprogrammen bietet ebenfalls die (allerdings mit Werbung überfrachtete) Seite „Lateinamerika-Links“ – auf Deutsch, Portugiesisch und Spanisch.

Auch mit Google News lassen sich rasch Artikel aus und über Lateinamerika finden. Es gibt für zahlreiche lateinamerikanische Staaten (Brasilien, Chile, Kolumbien, Mexiko, Peru, Venezuela) eigene Seiten für die jeweiligen nationalen Nachrichten.

Die deutschen Lateinamerika-Nachrichten bieten in ihrer Druckausgabe umfassende Berichterstattung über den Subkontinent – meist aus einem eher linken Blickwinkel. Knappere Nachrichten gibt es auch auf ihrer Internetseite.

FOTOS: SEBASTIAN ASMUS (1), JENS MEYER-WELLMANN (11).